Amokfahrer, Terrorverdacht, wütende Menschenmengen auf den Straßen Istanbuls. Ich weiß nicht, wie es dir ging in den vergangenen Tagen. Ich habe mit großer Sorge die Nachrichten aus der Türkei und aus Frankreich verfolgt. Ich kam gar nicht zur Ruhe und merkte, wie die Bilder und Berichte mich zunehmend nervös machten. Allerdings habe ich auch Strategien entwickelt, mit der Verunsicherung umzugehen. Zwei möchte ich dir heute vorstellen, einen zweiten Teil zu diesem Thema veröffentliche ich am Wochenende.

Zurück zum Ausgangspunkt, den schlechten Nachrichten: Was bedeutet das alles für uns hier in Deutschland? Welche Auswirkungen wird die politische Lage in der Türkei auf unser Leben haben? Was geschieht als nächstes? Wann wird der Terror jemanden treffen, der mir nahesteht? – Es ist nicht ungewöhnlich, sich diese Fragen zu stellen. Die Nachrichten aus der Türkei und aus Nizza dominierten die Berichterstattung während des gesamten Wochenendes. Kein Wunder, dass das Auswirkungen auf die menschliche Psyche hat.

Was Angst mit uns macht

Bilder prägen sich unmittelbar in unsere Wahrnehmung ein, viel stärker als es uns bewusst ist. Selbst wenn im Text zum Bild eine sachliche und unaufgeregte Analyse zu lesen ist, können wir uns nicht davon freimachen, dass Darstellungen von Gewalt, Opfern und kriegsähnlichen Zuständen unsere Ängste befeuern. Wie ich schon an anderer Stelle betont habe, ist Angst ein schlechter Ratgeber. Allerdings ist Angst ein sehr kraftvoller Treiber, der schwer zu kontrollieren ist und uns Dinge tun lässt, die wir unter normalen Umständen vermutlich nie getan hätten.

Es gilt hier zu unterscheiden zwischen Ängsten, die berechtigt sind und uns schützen, und solchen, die uns blockieren und uns den Blick verengen. Die einen verhindern beispielsweise, dass wir in ein Becken voller hungriger Haie springen, weil wir irrtümlicherweise glauben, dort Spaß zu haben. Andere Ängste führen dazu, dass wir selbst harmlose Zierfische für gefährliche Raubtiere und Korallenriffe für mächtige Fangzähne halten. Manchmal ist es schwer, diese Ängste voneinander zu unterscheiden, erst recht in emotional sehr aufgeladenen Situationen. Mein erster Tipp bezieht sich genau auf diesen Punkt.

Tipp 1: Realitätscheck

Ein Gedanke vorweg: Ein Gefühl ist nie verkehrt. Das kann es gar nicht sein. Es ist zunächst einmal da und es ist real. Die Fragen, die sich stellen, wenn du Angst bekommst, sind allerdings folgende: Resultiert die Angst aus einer real existierenden Gefahr oder folge ich gerade meinem Kopfkino? Und: Wie gehe ich mit ihr um? Es ist wichtig zu reflektieren, ob ich die Dinge sehe, wie sie sind, oder ob ich bereits durch eine eingefärbte Brille gucke. Und es ist wichtig, nicht impulsiv zu reagieren, wenn es vielleicht nicht angebracht ist.

Es hat wenig Sinn, sich seine Angst zu verbieten, aber wir unterscheiden uns darin, wie wir mit unseren Ängsten verfahren. Eine häufige Reaktion auf Ängste ist die, dass wir sie auf unsere Umgebung projizieren. Dann sehen wir plötzlich überall Gefahren, weil uns etwas in einer Situation an bekannte Muster erinnert. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn wir jedem misstrauen, der eine dunkle Hautfarbe hat und ein Muslim sein könnte, weil wir Sorge haben, er könnte terroristische Absichten verfolgen oder wenigstens mit ihnen sympathisieren.

Ich schlage daher vor, wenn die Angst kommt, ein paarmal tief durchzuatmen und die Realität einer Prüfung zu unterziehen. Das Atmen signalisiert deinem Körper Entspannung. Angst manifestiert sich nämlich oft in körperlichen Reaktionen, das kannst du gut bei dir selbst beobachten. Solange der Körper angespannt ist, sich der Brustkorb verengt und der Puls steigt, ist es schwer, deinen Körper mit rationalen Argumenten davon zu überzeugen, dass eine Situation eigentlich harmlos ist.

Tipp 2: Bilderflut eindämmen

Wie stark Bilder uns beeinflussen, habe ich oben schon beschrieben. Wir nehmen sie wesentlich stärker wahr als das geschriebene oder gesprochene Wort. Durch das Fernsehen, aber auch durch andere Medien wie Plakatwände und Zeitungen beziehungsweise Zeitschriften, werden wir täglich mit zahlreichen Bildinformationen angefüttert. Vieles nehmen wir sogar nur im Vorbeigehen wahr, unser Unterbewusstsein merkt es sich trotzdem.

Wenn wir mit immer ähnlichen Botschaften konfrontiert werden, nehmen wir sie irgendwann als normal hin. Das passiert ganz automatisch. Darum arbeitet Werbung meist mit starken Bildern und nur wenig Text, damit wir den Markenkern intuitiv erfassen und dann mit einem Slogan verknüpfen. Ein Bild transportiert mehr als nur das Abgebildete. Es beeinflusst unsere Stimmungen, manifestiert Rollenbilder und unter Umständen auch unser Weltbild. Zwar zeigt es jeweils nur einen Ausschnitt des Geschehens, aber genau dadurch sind wir auch manipulierbar.

Ein Weltbild aus Puzzleteilen

Wenn beispielsweise ein Teil einer Demonstration gezeigt wird, in dem Randale herrschen, während der Rest der Demo vollkommen friedlich verlaufen ist. Warum ist das so? Unser Gehirn vervollständigt die „Lücken“ und füllt sie mit dem Bekannten, also dem Bildmaterial, was da ist. So entsteht schnell der Eindruck, dass die gesamte Demonstration aus dem Ruder gelaufen ist. Mein Rezept, um diesen Effekt zu vermeiden: Ich habe mir angewöhnt, wenn über schlimme Ereignisse berichtet wird, so wenig Bildmaterial wie möglich zu konsumieren.

Ich umschiffe Videos und schaue auch keine Bildergalerien auf den Websites der Online-Portale an. Stattdessen suche ich nach guten Textquellen. Oft helfen schon die Überschriften, um zu entscheiden, welche geeignet sind. Je reißerischer, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich einen Artikel anklicke. Und was soll ich sagen: Anfang des Jahres habe ich diese Strategie für mich erstmals gewählt. Seither spüre ich die Auswirkungen. In der Regel gelingt es mir, die Nachrichten einigermaßen einzuordnen und nicht in Panik zu verfallen.

Zugegeben, an diesem Wochenende bin ich leider rückfällig geworden und habe intensiv die Berichterstattung über den Putschversuch in den Mediatheken verfolgt. So deutlich habe ich den oben beschriebenen Effekt selten gespürt. Daher werde ich künftig wieder besser auf mich aufpassen.

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Wie gehst du mit schrecklichen Nachrichten um? Schaust du sie dir an? Wenn ja, wie fühlst du dich dabei?

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