An Wochenenden wie diesen fällt es mir schwer, die richtigen Worte zu finden. Ich habe mehrfach einen neuen Blogartikel angefangen und doch immer wieder abgebrochen. Schreckliche Dinge geschehen in der Welt, Menschen tun sich Schlimmes an. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich das Leid regelrecht überflutet.

Ich habe deswegen bewusst darauf verzichtet, mir Bilder und Videos der Geschehnisse in Paris anzusehen und habe mich lieber über gut recherchierte Texte über den Stand der Dinge informiert. Bilder sind starke Emotionsträger und ich hatte die Befürchtung, ich würde die Eindrücke nur schwer verkraften können.

Kontrollverlust

Viele Reaktionen auf den Terror sind nun zu beobachten. Es gibt sachliche Analysen, entschlossene Kampfansagen, viel Trauer, aber auch viel Wut. All das sind verständliche Reaktionen und sie sind nur allzu menschlich. Auch ich bin traurig. Und ich habe Angst. Die Situation in Paris hat eines gezeigt: Terror geschieht mit Willkür und die könnte – theoretisch – jeden treffen. Ein solches Gefühl von Kontrollverlust ist nur schwer zu ertragen.

Es gibt aber auch noch etwas anderes, das mir Angst macht. Ich fürchte mich davor, dass meine Mitmenschen aus Sorge und aus ihrer Wut heraus andere mitverantwortlich machen, die selber vor Krieg und Gewalt zu uns fliehen und hoffen, hier Schutz zu finden. Nicht auszudenken, was für ein Klima entstehen könnte, wenn der Hass und die Wut am Ende unser Zusammenleben dominiert. Hoffen wir, dass dies nicht Realität wird.

Doch was können wir für ein friedliches Zusammenleben tun? Was kann jeder einzelne tun?

Letztlich muss das jeder und jede von euch selbst entscheiden, denn nicht jeder bringt die gleichen Fähigkeiten, Zeitressourcen und Möglichkeiten mit. Ich würde mir wünschen, dass sich unser Blick schärft für das, was wir einander sein können, und wir weniger Zeit damit verschwenden, andere, die nicht unserem Ideal entsprechen, zu Fußabtretern zu machen, wie es derzeit häufig in sozialen Netzwerken geschieht.

Zeigt nicht mit dem Finger auf andere und nennt sie Heuchler, wenn sie versuchen, ihrem Gefühl von Ohnmacht Ausdruck zu verleihen. Hört auf, platte und pauschale Urteile in die Welt zu pusten, nur weil ihr nicht wisst, wohin mit eurer Wut. Was könntet ihr mit dieser Energie, die ihr in solche Kommentarkämpfe steckt, alles Gutes bewirken? So aber verpufft sie nur und das oft auf destruktive Art und Weise. Schade.

Vielfalt und Unterschiedlichkeit

Ich würde mich gerne mehr für wohltätige Zwecke engagieren, aber dafür fehlt mir häufig die Zeit. Ich würde gerne schlaue, pointierte Artikel in Magazinen schreiben, die andere wach rütteln und die fein recherchierte, neue Erkenntnisse zutage fördern. Dafür fehlt mir in diesem Fall vermutlich die politische Fachkenntnis. Vielleicht auch das Durchhaltevermögen. Nicht jeder ist zum Krisen-Journalisten oder Politiker geboren, nicht jeder fühlt sich in der Lage, soziale Arbeit zu leisten.

Das Gute ist: Es muss auch nicht jeder alles können und wollen und machen. In einer vielfältigen Gesellschaft ist Platz für die Unterschiedlichkeit. Es gibt demokratisch Gewählte, die nun werden Entscheidungen treffen müssen, auf Bundes- und auch auf internationaler Ebene. Es gibt andere, die sich um die Organisation in den Flüchtlingsunterkünften kümmern. Wieder andere leisten ihren Beitrag in der Jugendarbeit oder in weiteren sozialen Projekten. Jeder sollte selbst entscheiden dürfen, wo bei all dem sein Platz ist.

Nennt mich naiv, aber unterm Strich möchte ich die Welt eigentlich nur ein bisschen besser machen und meine Hoffnung nicht verlieren. Und ich bin überzeugt davon, dass dies auch mit vielen kleinen Schritten gelingen kann. Nehmt den Druck raus, seid einfach nur menschlich, niemand verlangt von euch, Übermenschen zu sein.

Menschlichkeit

Noch bin ich nicht bereit, meine Hoffnung aufzugeben. Noch lange nicht. Es gibt so viel mehr, was wir tun können, und das jeden einzelnen Tag ohne viel Aufwand: unsere (destruktiven) Gedanken prüfen und lösungsorientiert in die Zukunft sehen, unseren Mitmenschen mit kleinen Handgriffen zur Seite stehen oder ihnen ein freundliches Wort und ein Lächeln schenken. Mit uns selber und anderen verständnisvoller umgehen und Menschlichkeit leben. Das sind sie doch, unsere Werte, die wir nicht verlieren wollen, oder etwa nicht!?

Konkret kann das sehr unterschiedlich aussehen. Ich selber gebe regelmäßig Dinge weg, die ich nicht mehr brauche, sortiere sie sogar ganz bewusst aus und verschenke sie weiter an Menschen, die sich nicht viel leisten können – egal, aus welchem Land sie stammen, ob sie hier geboren sind, welchen Pass sie haben und wie lange sie schon zu unserer Gemeinschaft gehören.

Ich arbeite auch daran, meinen Frust – so ich denn einen schlechten Tag erwischt habe -, nicht an anderen auszulassen und mein Verhalten zu reflektieren. Anderen möchte ich mit Wertschätzung begegnen, ich möchte niemanden klein machen, nur um mich größer zu fühlen. Die eigene Kritikfähigkeit zu schulen ist auch ein sehr lohnenswertes Ziel, es macht dich gelassener.

Gutes Gefühl

Den Blick auf das zu lenken, was du auf der Habenseite hast, übrigens auch. Eine zeitlang habe ich mir jeden Abend ein paar Dinge aufgeschrieben, die an dem jeweiligen Tag gut gewesen sind. Mir ist das nicht immer leicht gefallen, weil ich zu dieser Zeit eine ziemlich schlimme Phase hatte und ich den Blick schwer von den Defiziten fort lenken konnte. Der Effekt aber war beeindruckend: Schon nach kurzer Zeit schlief ich ruhiger ein und vor allem mit einem guten Gefühl. Ich hatte mein Gehirn sozusagen umprogrammiert.

Zwar hatte ich die negativen Erlebnisse des Tages nicht vergessen, aber es gelang mir plötzlich, sie besser zu verarbeiten und mich von ihnen nicht mehr überrollen zu lassen. So habe ich es auch an diesem Wochenende gehalten und das hat mir geholfen, mich nicht ganz so hilflos zu fühlen, wie es wahrscheinlich noch vor ein paar Jahren der Fall gewesen wäre.

Offenheit

Die Welt retten kann ich auf diese Weise allein natürlich nicht. Aber ich kann meinen Beitrag dazu leisten, ein Klima zu schaffen, in dem junge Menschen wertgeschätzt werden und selbstbewusst aufwachsen, so dass sie weniger anfällig für Rattenfänger (egal welcher Couleur!) sind und Rückgrad entwickeln. Jeder einzelne trägt hierfür in unserer Gesellschaft Verantwortung.

Meine Gefühle und Gedanken sind bei all jenen, die in den letzten Tagen großes Leid ertragen mussten. Ich wünsche ihnen Kraft, die schlimmen Ereignisse zu verarbeiten. Meine Offenheit fremden Menschen gegenüber möchte ich mir bewahren. Fremd bleibt uns nur, was wir uns nicht vertraut machen. Also öffnet eure Herzen und richtet den Blick selbstbewusst nach vorn.

 

 

 

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