Seifenopern, Daily Soaps und Telenovelas folgen immer ähnlichen Mustern. Und obwohl wir Zuschauer bereits wissen, dass die ganze Chose am Ende gut ausgehen wird, leiden wir bereitwillig mit den Protagonisten, verfluchen die Bösewichte und warten gespannt auf die nächste Folge, immer auf der Hut, welche Steine dem Serienhelden oder der -heldin als nächstes in den Weg gelegt werden. Das hat seinen Grund.

Ängste und Wünsche

„Kinder brauchen Märchen“, schrieb einst Bruno Bettelheim in seinem gleichnamigen Standardwerk der Literaturwissenschaft. Das Schwarz-weiß-Denken, die archaischen Motive und Bilder sprechen tief in unserem Innern etwas auf der emotionalen Ebene an. Kindern hilft es, die Welt besser zu verstehen, indem sie sich, ihre Ängste und Wünsche, in den märchenhaften Erzählungen wiederfinden.

Und wir Erwachsenen? Uns geht es im Grunde ganz ähnlich. In einer komplexen Welt tut es manchmal gut, die Dinge vereinfacht zu betrachten. Das entspannt und stillt unsere Sehnsüchte nach geordneten Verhältnissen. Ein paar Märchenelemente finden sich nämlich in jeder guten Seifenoper wieder. Und das hat – zumindest bei mir – einen wahnsinnig entspannenden Effekt.

Der Held

Ohne ihn geht gar nichts: Der Protagonist einer Geschichte ist die Person, mit der wir uns identifizieren und mit der wir leiden. In den meisten Telenovelas ist der Held eine Heldin, beispielsweise derzeit Luisa Reisiger (gespielt von Magdalena Steinlein) in „Sturm der Liebe“ oder Nora Franke (dargestellt von Anne Moll) in „Rote Rosen“.

Meist wird die Heldin als sympatische Figur eingeführt, die auch recht bald ihren Traumprinzen findet, dann aber bringt das Schicksal – oder jemand – die beiden ganz schnell auseinander. Hindernisse müssen überwunden werden, bevor es mit der Liebe am Ende dennoch klappt.

Im Märchen ist es ähnlich. Meist ist zu Beginn klar, welches Problem gelöst werden soll. Doch der Weg  dahin ist steinig. Oft machen die Hauptfiguren in der Seifenoper eine große Wandlung durch. Das kann eine äußerliche sein wie der Buckel, den Luisa zu Beginn der Staffel trug, es ist aber auch eine innere Wandlung, ein Reifeprozess. Genau dafür steht symbolisch im Märchen die Heldenreise.

Die böse Stiefmutter

Exemplarisch und wie aus dem Lehrbuch tut die „böse Hexe“ Isabella Hübner in ihrer Rolle der Beatrice Hofer in „Sturm der Liebe“ ihr Werk: Sie schadet der Protagonistin, wo sie nur kann. Vordergründig gibt sie vor, ihrem Sohn damit helfen zu wollen, der Luisa liebt, sie aber an Sebastian verloren hat. Im Innern scheint sie von einer tiefen Abscheu getrieben.

Mich erinnert diese Figur nicht selten an böse Stiefmütter aus Märchen wie „Aschenputtel“. Man fragt sich, was nur in sie gefahren ist, dass sie sich so abgrundtief böse verhält. Eine Antwort auf die Frage bekommt man kaum. Sie ist wie sie ist und zieht dieses Verhalten konsequent durch.

Zugegeben, in der Telenovela gibt es hin und wieder Wendungen, die sie ein wenig menschlicher machen und weitere Facetten zeichnen. Dennoch fällt sie immer wieder in ihr menschenfeindliches Naturell zurück. Das schmerzt, aber seien wir ehrlich: Nur Friede, Freude, Eierkuchen wäre langweilig. Ich würde dann vermutlich jedenfalls nicht mehr einschalten.

Die Helferlein

In jedem guten Theaterstück und auch in jeder Fernsehserie sind sie das Salz in der Suppe: die Nebenfiguren. Sie haben verschiedene Funktionen, ganz so wie im Märchen auch. Wer sich die Geschichten der Gebrüder Grimm einmal genauer anschaut, wird feststellen, dass es unterschiedliche Kategorien von Nebenfiguren gibt. Solche mit magischen Fähigkeiten zum Beispiel.

Andere tragen zum Fortgang der Handlung bei, indem sie dem Protagonisten einen Gegenstand zur Verfügung stellen. Wieder andere begleiten ihn auf seinem Weg. Ganz ähnlich verhält es in der Telenovela: Die Nebenfiguren unterstützen die Protagonistin Luisa in „Sturm der Liebe“ in unterschiedlicher Weise. Mal hören sie ihr nur zu, wenn sie Kummer hat, mal greifen sie aber auch aktiv ein, um die Handlung voranzutreiben.

Sie ergänzen Luisa immer dort, wo sie selber mit ihren Fähigkeiten nicht weiter kommt. Und sie zeigen ihr andere Perspektiven auf, sodass sie zum Nachdenken angeregt wird. Im Gegensatz zu Märchenfiguren, die meist nur diese eine Funktion erfüllen, erleben sie darüber hinaus auch ihre eigenen kleinen Geschichten.

Das Happyend

Und natürlich geht am Ende alles gut aus, das wäre ja auch noch schöner! Wozu haben wir denn schließlich monatelang mit gelitten, jetzt wollen wir uns endlich an einem schönen Happyend erfreuen. Auch das ist eine märchenhafte Botschaft: Egal wie viel Böses in der Welt ist, die Liebe wird am Ende siegen und alles wird gut.

Das scheint oberflächlich betrachtet zu einfach zu sein, um sich die Welt zu erklären. Stimmt. Ich wage aber die Behauptung, dass den meisten von uns klar ist, dass die vereinfachte Handlung bei „Unter uns“, „Rote Rosen“, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, „Alles was zählt“ oder im „Sturm der Liebe“ nicht der Realität entspricht. Doch das ist bei Hollywood-Action-Blockbustern ganz genauso.

Aber darauf kommt es letztlich gar nicht an, sondern nur darauf, in all der Unruhe und Unsicherheit der heutigen Zeit ein Gegengewicht zu spüren: Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Das nächste Traumpaar, die nächste Folge mit neuen Intrigen, Irrungen und Verwirrungen kommt bestimmt. Happyend garantiert. Ich freu mich drauf!

 

 

 

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