Jaja, wie oft bin ich schon belächelt worden, irritiert beäugt oder verwundert ausgefragt worden: „Duuuuu? Ausgerechnet du schaust dir SOWAS an!!?“, hieß es dann, „das hätte ich jetzt aber nicht erwartet!“ Die Rede ist von Seifenopern oder auch Daily Soaps und Telenovelas. Und ja, ich oute  mich: Ich bin ein Fan!

Ganz normaler WG-Alltag

Alles begann zu einer Zeit, in der ich gerade das elterliche Heim verlassen hatte. Damals, ich war gerade 19 Jahre alt, hatte ich selbst für diese Formate nur wenig übrig. Ich fand sie oberflächlich und realitätsfern und hatte mich daher nicht weiter mit solchen Serien beschäftigt. Plötzlich fand ich mich allerdings in einer Wohngemeinschaft wieder, in der unter der Woche die tägliche „Marienhof“-Einheit zum ganz normalen WG-Alltag dazu gehörte.

„Du wirst schon auch noch auf den Geschmack kommen“, prophezeiten mir meine Mitbewohner und grinsten jedes Mal dabei. „Das ging bislang noch jedem so.“ „Ganz sicher nicht“, wies ich die Mutmaßungen zurück. Bald aber schwante mir Folgendes: Nicht allein während der halben Stunde, in der die aktuelle Folge lief, war ich außen vor, auch zu den daran anknüpfenden Gesprächen konnte ich nichts beitragen. Immer wieder nämlich gaben die Themen aus der Seifenoper Anlass für Diskussionen am Abendbrotstisch.

Liebende und Intriganten

So war es in der Tat nur eine Frage der Zeit, bis ich mich schließlich – anfangs aus purer Langeweile – zu der lustigen Marienhof-Runde hinzu gesellte. Es dauerte nicht lange, da hatte mich der Virus erwischt. Ich begann, die Figuren, die dort täglich über unseren WG-Bildschirm flimmerten, zu mögen und mit ihnen zu hoffen und zu bangen. Und das, obgleich ich doch wusste, dass die Liebenden sich am Ende gewinnen sollten und die Intriganten schließlich nach einem meist dramatischen Finale enttarnt werden würden. Es machte mir nichts mehr aus, dass ich manches, was geschah, lange vorher ahnte.

Bald schon fragte ich mich auch nicht mehr, warum um alles in der Welt die Menschen in den Daily Soaps es sich stets so kompliziert machten. Sie schwiegen sich an, verstrickten sich in Lügen und Widersprüche, obwohl ein einziges ehrliches Gespräch den Knoten schon viel eher gelöst hätte. Tja, das wäre sicher einer funktionierenden Kommunikation zuträglich gewesen, die Serie jedoch hätte ein solches Verhalten radikal verkürzt und letztlich auch schrecklich langweilig gemacht.

Wie nach Hause kommen

Nicht jede Folge vom „Marienhof“ habe ich seither gesehen. Ich habe auch keine akuten Entzugserscheinungen, wenn ich heute mal eine oder mehrere Folgen meiner aktuellen Lieblinge „Sturm der Liebe“, „Rote Rosen“ oder „Alles, was zählt“ verpasse. Jedes Mal aber, wenn ich zu ihnen zurückkehre, ist es ein bisschen wie nach Hause kommen.

Möglicherweise sind diese Serien in gewisser Hinsicht oberflächlich und realitätsfern, aber ist das wirklich so schlimm? Wer sich ein einziges Mal mit Bruno Bettelheims Märchen-Theorie befasst hat, der weiß, wie heilsam es ist, sich in Welten zu bewegen, in denen gut eindeutig gut und böse eindeutig böse ist. Wir wissen, dass das nicht der Realität entspricht, dass in Wirklichkeit Dinge differenziert zu betrachten sind. Und doch hilft es manchmal, sich zumindest für kurze Zeit die Dinge zu vereinfachen. Es entspannt.

Märchen unserer Zeit

„Kinder brauchen Märchen“, schreibt Bettelheim. In gewisser Weise sind modere Telenovelas und Seifenopern vielleicht die Märchen unserer Zeit. Ich habe die Spielregeln, nach denen solche Soaps funktionieren, verstanden und akzeptiert. Und ich empfinde es als wohltuend, wenigstens für eine Stunde am Tag in eine Seifenoper-Welt abtauchen zu dürfen, die ein Gegengewicht schafft zu der komplexen Welt, die mich im Alltag umgibt.

So geht es mir bis heute. Und darum gibt es von mir meist nur noch eine Antwort auf die „Du schaust dir sowas an!?“-Verwunderung, die mir bisweilen entgegen schlägt. Und die lautet schlicht: Warum denn nicht?

 

 

Kommentar hinterlassen