Kennst du das? Du hast ein Buch zuende gelesen und verfällst in eine Art wehmütiges Gefühl? Du musst dich von einer Geschichte verabschieden, von Figuren, die dich eine Weile begleitet haben, mit denen du gelitten und mitgefiebert hast und die (hoffentlich) am Ende eine gute Perspektive haben.

Vielleicht denkst du noch eine Weile über die Handlung nach, fragst dich, was du genauso oder anders gemacht hättest, sinnierst über Themen, die dir das Buch näher gebracht hat oder lässt das Gefühl einfach auf dich wirken. Bei mir gibt es meist zwei widerstreitende Effekte: Einerseits fühle ich nach einer guten Geschichte genau diese Form der Trauer, auf der anderen Seite aber spüre ich auch Lesehunger in mir.

Wenn die Sucht nach einem Buch einsetzt

Lesehunger meint, dass ich es nach einer gelungenen Lektüre kaum ertrage, anschließend kein Buch oder E-Book in der Hand zu halten. Wenn ich einen Liebesroman zuende gelesen habe, möchte ich umgehend neuen Stoff, mich erneut in eine Protagonistin versetzen, mich mit ihr verlieben und meinen Sehnsüchten nachgehen. Ich möchte mehr von meiner Droge haben.

Die Zeit zwischen zwei Büchern ist, als ob ich wirklich und wahrhaftig auf Entzug wäre.

Ich möchte dem Alltag ein weiteres Mal entfliehen und mich in andere Welten versetzen, mich emotional hingeben. Es ist einfach wunderbar, was unsere Fantasie mit uns anstellen kann. Sie ist in der Lage, Bilder und Situationen vor unserem inneren Auge so real wirken zu lassen, dass wir tatsächlich tiefe Emotionen mit ihnen verbinden.

Ich jedenfalls bin sehr nah am Wasser gebaut und heule, wenn etwas besonders schön, traurig oder dramatisch ist, sofort mit – egal, ob im Buch, im Film oder im realen Leben. Und auch wenn das nicht immer die Gefühle in mir hervorruft, die wir gemeinhin als positiv einstufen (Trauer, Enttäuschung, Abschiedsschmerz), empfinde ich das als sehr reinigend.

Ist dein Leben denn so langweilig?

Doch woran liegt das? Erlebe ich selbst so wenig, dass ich mich mit fremden Gefühlen eindecken muss, um etwas zu empfinden? Das könnte man glauben und sagen: Gestalte doch deinen Alltag so, dass du gar nicht mehr auf „Fremdgefühle und -erfahrungen“ angewiesen bist. Dann ist dein Leben weniger langweilig.

Ja, naja. Zum einen möchte ich gar nicht alles selbst erleben, was in meinen Lieblingsbüchern geschieht. Ich möchte mich nicht im zweiten Weltkrieg wiederfinden und Kriegsversehrte versorgen, ich möchte auch nicht im tiefsten Dschungel abstürzen und ums Überleben kämpfen. Und ich bin noch nicht mal scharf darauf, in einer solchen Werbeagentur zu arbeiten, in die ich meine letzte Protagonistin versetzt hab.

Warum auch? Ich finde es vollkommen legitim, die Welt der Bücher dafür zu nutzen, andere Lebensentwürfe kennenzulernen und dadurch Dinge zu erfahren, die ich selbst nie erleben werde. Für mich hat das auch nichts damit zu tun, dass mein eigenes Leben langweilig sei. Im Gegenteil:

Durchs Lesen fühle ich mich bereichert und beflügelt und das wirkt sich auch auf meinen Alltag aus.

Was Aristoteles damit zu tun hat

Das tut es nämlich in der Art, dass ich aufmerksamer durch das Leben gehe, mehr auf Details achte und anderen Menschen gegenüber aufgeschlossener bin. Außerdem wirken Bücher manchmal regelrecht kathartisch auf mich. Der Begriff der Katharsis geht auf den guten, alten Aristoteles zurück, der davon ausging, dass die antike Tragödie eine reinigende Wirkung auf die Seele haben könne.

So geht es mir auch. Wenn ich mich nach einem wirklich traurigen Kapitel ausgeweint habe, fühle ich mich anschließend viel besser. Ich fühle mich oft klarer und ausgeglichener als zuvor.

Bücher sind Detox für die Seele!

Und nebenbei bemerkt, finde ich mein eigenes Leben alles andere als langweilig. Das ist alles eine Frage der Perspektive. Wer natürlich höllisch unzufrieden mit sich und allem ist, der wird dies möglicherweise anders empfinden und sich tatsächlich in fremde Geschichten „flüchten“. Das soll jeder mit sich selbst aushandeln.

Lesen und schreiben – zwei Seiten einer Medaille

Beim Schreiben meiner Bücher geht es mir übrigens ganz ähnlich. Auch hier durchlebe ich die Phasen, die ich vom Lesen kenne: Ich lerne die handelnden Figuren langsam kennen, versetze mich Stück für Stück in meine Protagonistin und durchlebe mit ihr all die Aufs und Abs, die ihr Leben in der Geschichte bestimmen. Schließlich gilt es am Ende des Buches, mich von ihr und ihrer großen Liebe zu verabschieden.

Genauso wie ich nach Beendigung einer Lektüre oft traurig oder melancholisch bin, weil ich – unter uns gesagt – Abschiede nicht besonders mag, durchlebe ich nach dem Abschluss eines Romans ganz ähnliche Emotionen. Wie gut, dass mich nichts und niemand daran hindert, auch hier wenige Tage danach zum nächsten Stoff zu greifen. Will sagen: Am 30. April habe ich „Ein Sommer auf Samos“ veröffentlicht, seit ein paar Tagen schreibe ich schon wieder an meiner nächsten Geschichte.

Auch das Schreiben kann in gewisser Weise süchtig machen. Im Gegensatz zu einer Droge aber erfüllt es mich mit Leichtigkeit, gibt mir dauerhaft Kraft und Zuversicht und bereichert mein Leben ungemein. Genau wie das Lesen. Ich hoffe, ein bisschen was von diesen Emotionen gebe ich mit den Büchern auch an meine Leser weiter.

Und weil es so gut passt, ende ich heute mit einem Zitat der amerikanischen Filmschauspielerin Helen Hayes:

„Von seinen Eltern lernt man lieben, lachen, und laufen. Doch erst wenn man mit Büchern in Berührung kommt, entdeckt man, dass man Flügel hat.“

Komm gut durch den Tag, ich wünsche dir ein schönes Wochenende!

 

 

 

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