Jeder begeisterte Leser kennt das: Da greifst du nach einem Buch und freust dich auf die Lektüre, der Klappentext klingt vielversprechend und eigentlich möchtest du jetzt nur noch in der Geschichte versinken. Dennoch kommst du nicht in einen Lesefluss, stolperst immer wieder über unlogische Verknüpfungen oder ärgerst dich über langatmige Passagen, die scheinbar nichts zu der Handlung beitragen. Da kann einem die Lust am Lesen schon mal vergehen.

Wenn ich an dieser Stelle die persönlichen Geschmäcker mal außen vor lasse, die unter Umständen in einer solchen Situation eine Rolle spielen – manch einer langweilt sich eben bei den Landschaftsbeschreibungen, die Siegfried Lenz in seinen Roman „Deutschstunde“ einfließen lässt, ich finde sie großartig! – dann lässt sich eines festhalten:

Unabhängig vom Genre gibt es Eigenschaften, die eine Geschichte erst zu einer wirklich guten Geschichte machen.

Diese Eigenschaften machen eine interessante und gut lesbare Handlung aus. Drei Merkmale, auf die du deine eigene Erzählung immer prüfen solltest, um deinen Lesern die oben beschriebene Leseerfahrung zu ersparen, habe ich in meinem heutigen Blogpost zusammengefasst:

1. Die passende Auswahl

Die erste Frage, die ich mir oft als Autorin stelle, ist: Was genau möchte ich eigentlich erzählen? Ebenso wichtig ist es jedoch auch, sich im Laufe des Schreibprozesses darüber klar zu werden, was ich nicht erzählen möchte. „Kill your darlings“ heißt die Devise, wenn sich Szenen in die Handlung geschlichen haben, die sich zwar sehr schön lesen, die inhaltlich aber überhaupt nichts beitragen.

Man könnte in diesem Zusammenhang auch von „Erzähl-Ökonomie“ sprechen, die zwei Prinzipien folgt:

  • Konzentriere dich auf das Wesentliche.
  • Trenne dich von Unwichtigem.

Das heißt jetzt nicht, dass in einem Roman Beschreibungen gänzlich fehlen sollten und sich die Handlung nur noch auf der Sachebene wie in einem reinen Informationstext abspielen soll. Die Prüfung dieses Merkmals für deinen Text hilft dir jedoch dabei, deinen Text runder zu machen. Konkret könntest du dich zum Beispiel fragen:

  • Habe ich auch alle angefangenen Handlungsstränge zuende geführt?
  • Gibt es ausführliche Beschreibungen im Text über Dinge und Personen, die später keine Rolle mehr spielen?
  • Habe ich einen Hang zu bestimmten Füllwörtern, die ich immer wieder verwende, aber weglassen könnte? (Ich persönlich habe da so einige Baustellen, auf die mich meine Vorab-Leser und Korrektoren hinweisen…)

Vielleicht fallen dir auch weitere Fragen ein. Wenn ich mich meinen Textkorrekturen widme, versuche ich manchmal bewusst, mich auf eine dieser Fragen zu konzentrieren und den Text genau auf dieses Merkmal zu prüfen. Wie bei allem, was das Schreibhandwerk betrifft, kann ich dich da nur ermutigen. Übung hilft.

2. Die stringente Entwicklung

Mit dem ersten Punkt hängt der zweite unmittelbar zusammen. Wenn ich mich danach frage, welches die wesentlichen Inhalte meiner Erzählung sind und ich mich gleichzeitig von Unwichtigem getrennt habe, fällt es mir leichter, mich auch auf die stringente Entwicklung meines Protagonisten – oder bei einem Ensembleroman auch der Mehrzahl an Protagonisten – zu konzentrieren.

Jeder Protagonist hat etwas, das ihn antreibt.

Auf der anderen Seite gibt es meist eine unerfüllte Sehnsucht, die darunter liegt und derer er (oder sie) sich nicht einmal bewusst sein muss. Beim Drehbuch spricht man gemeinhin in diesem Zusammenhang von dem Unterschied zwischen „Want“ und „Need“.

Ich möchte es dir an einem Beispiel deutlich machen. Stell dir vor, dein Protagonist möchte unbedingt zu einem Konzert an der Westküste Amerikas. Allerdings wohnt er an der Ostküste und ist pleite. Freunde hat er keine, zumindest lassen ihn gerade alle, von denen er dachte, sie zählten zu seinem Freundeskreis, im Regen stehen. Er setzt nun alles daran, irgendwie allein an sein Ziel zu gelangen, und redet sich ein, niemanden zu brauchen. Das Erreichen des Konzertes, das ist sein Want.

Unterwegs trifft er verschiedene Menschen, vielleicht auch eine junge Frau, in die er sich verliebt. Im Laufe der Reise spürt er, dass seine eigene Oberflächlichkeit ihn in seine (finanzielle) Misere gebracht hat. Und er entdeckt ganz neue Seiten an sich und seinem Leben. Das Konzert wird immer nebensächlicher, weil er sich erstmals richtig angenommen und gesehen fühlt. Als er mit der jungen Frau das Konzert am Ende erreicht, spielt seine persönliche Entwicklung eine viel größere Rolle als alles andere. Er hat die Liebe gefunden, denn sie ist sein eigentlicher Antrieb, sein Need.

Um eine stringente Handlung zu erzählen, darfst du nie aus den Augen verlieren, was deine Figuren antreibt. Es hält deine Geschichte zusammen.

3. Die sinnvolle Verknüpfung

Das dritte Merkmal, das für eine gute Handlung unerlässlich ist, ist die sinnvolle Verknüpfung deiner Handlungsstränge und Sequenzen. Damit ist nicht die Chronologie gemeint! Nein, manche Erzählungen gestalten sich gerade dadurch spannend, dass sie umgekehrt chronologisch sind oder in unterschiedlichen Zeiten spielen.

Eine Handlung sinnvoll zu verknüpfen bedeutet, dass die Ereignisse logisch verknüpft sind, also unverbundene Zeitereignisse eines Zeitabschnitts Bezug aufeinander nehmen und Sinneinheiten ergeben. Da geht schon bei Personenbeschreibungen los. Eine Figur, die im ersten Kapitel noch blond ist, sollte nicht kurz darauf brünett sein – es sei denn, sie hat sich die Haare gefärbt.

Auch für einen Krimi wäre es fatal, wenn der überführte Mörder es eigentlich gar nicht gewesen sein kann, weil der Autor bei der Ausarbeitung des Plots seine Zeitangaben durcheinander wirft. Fatal ist das dann, wenn es erst dem Leser auffällt und er statt deines Kommissars im Krimi dich als ungenauen Ermittler überführt.

Nicht allein deswegen ist es unerlässlich, das fertige Manuskript vor der Veröffentlichung in kompetente Hände abzugeben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man selbst für seine unlogischen Schlüsse im eigenen Text oft blind ist. Da hilft der Blick von außen wirklich sehr!

Und jetzt bin ich gespannt auf deine Tipps. Gibt es Merkmale, die du in meiner Auflistung noch unbedingt ergänzen würdest? Ich freue mich auf deine Anmerkungen und Kommentare! 🙂

 

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