Mit dem Protagonisten steht und fällt die Handlung deines Romans: Er oder sie ist es, mit dem oder der sich der Leser identifiziert und mitleidet und dessen Happy-end man sich ersehnt. Meist verfolgt die Hauptfigur ein bestimmtes Ziel, doch nicht immer endet die Geschichte dort, wo sie scheinbar hinführt. Und das ist gut so.

Die Heldenreise

Klassischerweise fußt die Handlung deines Romans oft auf einer Heldenreise. Dabei ist es unerheblich, ob du nur einen Protagonisten durch die Geschichte führst oder ob es mehrere Personen sind. Die Heldenreise schafft in jedem Fall einen Bogen, der für Spannung sorgt und den Leser bei der Stange hält.

Eine „handliche“ Version der Heldenreise hat Marcus Johanus auf seinem Blog beschrieben. Er teilt sie in vier Phasen ein:

1. Aufbruch

In der ersten Phase erlebt man den Helden zunächst in seiner Alltagswelt. Es folgt der Ruf zum Abenteuer, dem der Protagonist schließlich nachgeht. Möglicherweise stürzt es ihn in eine schwere Krise, vielleicht weigert er sich auch im ersten Moment, dem Ruf zu folgen. Endlich aber bricht er auf und geht einer ungewissen Zukunft entgegen.

2. Initiation im mythischen Wald

In unbekannter Umgebung lernt der Held das Leben außerhalb seines Alltags kennen. Er wird mit Prüfungen und neuen Regeln konfrontiert. Schritt für Schritt gelangt er näher an sein Ziel. Einige Steine gilt es jedoch noch aus dem Weg zu räumen. Dazu zählt auch der Widerstand des Antagonisten, dem er spätestens in der dritten Phase entgegentritt.

3. Tod, Wiedergeburt und Kampf mit dem Schurken

In dieser Phase erreicht die Handlung einen dramatischen Höhepunkt. Der Held und der Schurke treffen zum Showdown aufeinander. Der Held geht als Sieger aus der Begegnung hervor. Er hat zu neuer Stärke gefunden und ist während des Abenteuers über sich hinausgewachsen.

4. Rückkehr in die Gemeinschaft

Als ein anderer Mensch kehrt der Held in den Kreis seiner Lieben zurück. Er ist – in gewisser Weise – durch seine Reise erwachsen geworden und lebt seinen Alltag nun in einem neuen Bewusstsein.

Die vier Phasen im Liebesroman

Ich habe diese Gedanken zur Heldenreise sehr verkürzt dargestellt und mit eigenen Worten zusammengefasst. Auch im Liebesroman finden sich vier Phasen wieder, die denen der Heldenreise ähneln:

  1. Zwei Liebende treffen aufeinander, aber sie werden getrennt.
  2. Es gilt, mehrere Hindernisse zu überwinden.
  3. Schließlich gelingt es, auch das letzte aus dem Weg zu räumen.
  4. Die (meist weibliche) Protagonistin „kehrt heim“, das heißt, sie findet endlich zu ihrer großen Liebe: Happy-end.

Ähnlich wie bei der Heldenreise können Hindernisse sowohl im physischen/materiellen als auch im psychologischen Sinn verstanden werden. Viel interessanter als die materiellen Tücken empfinde ich als Autorin die inneren Hürden, die überwunden werden müssen.

Wollen heißt nicht brauchen

In diesem Zusammenhang bin ich auf das „Want“ und das „Need“ in der Drehbuchtheorie gestoßen. Hier unterscheidet man zwischen dem Ziel, das ein Protagonist bewusst verfolgt (Want), und dem, was er tatsächlich braucht, um im Leben glücklich zu werden (Need).

Etwas zu wollen heißt nicht, dass dies auch zur Sinnstiftung beiträgt. Angenommen, jemand denkt, er müsse Karriere machen, um geliebt zu werden, erkennt dann aber, dass gegenseitige Unterstützung und gemeinsame schöne Erlebnisse viel wertvoller sind. Dann ist ihm das Need anfangs zwar nicht bewusst, mit der Zeit tritt es allerdings zutage und gibt der Geschichte die entscheidende Wendung.

Genauso ergeht es meiner Figur Kati in „Ein Sommer auf Samos„. Sie ist es gewohnt, dass andere permanent über ihre Grenzen gehen und ist bereit, alles hinter ihrem Karrieregedanken anzustellen. Erst als der Verlust ihrer Arbeit und der Betrug ihres Partners sie erschüttert und sie kopflos nach Griechenland flieht, beginnt sie zu reflektieren.

Das wahre Happy-end

Sie trifft auf Angelos, der sie die Schönheiten des Lebens lehrt und sie die Zeit vergessen lässt. Kati findet zu sich selbst und schließlich auch zu ihrer Liebe. Zu Beginn der Handlung wäre sie nicht dazu in der Lage gewesen, sich für die neue Beziehung zu öffnen.

Was sie ursprünglich wollte, ist also nicht das, was sie am Ende bekommt. Das aber ist so viel besser und sie möchte sicher nicht mehr in ihr altes Leben zurück! Kati hat durch Begegnungen und Erlebnisse herausgefunden, was sie wirklich will. So geht es vielen Protagonisten.

Das Spannungsfeld, das durch die Ambivalenz zwischen Want und Need entsteht, begleitet deinen Helden während seiner Reise. Es sorgt dafür, dass dein Protagonist vielschichtig wird und sich auf der persönlichen Ebene entwickeln kann. In meinen Augen ist das das wahre Happy-end.

Übrigens schließen sich Want und Need nicht aus. Es kann durchaus beides am Ende der Geschichte stehen.

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